4.8.4 Elite#0Die Wissenschaft befindet sich mit der Neuen Elite#0 im radikalen Umbruch. Ein Zeichen dafür: der Trend zur Medialisierung. Wohin die Reise geht, sei aber keineswegs klar, so die "historische Konfliktforschung" betreibende Technikgeschichtwissenschaftlerin Barbara Orland: Als zu Beginn der 1960er Jahre die Debatte zwischen den eher normativ ausgerichteten Wissenschaftstheoretikern und den mehr deskriptiv orientierten Wissenschafts-historikern einsetzte, war die akademische Welt noch in Ordnung. Dann kam Paul Feyerabend mit seiner "erkenntnis-theoretischen" Position des „Anything goes“ an die ETH Zürich und es ging ihm Zeichen der 68er-Bewegung auch um das akademische Überleben des so genannten Logischen Empirismus und seine Spielarten. Dennoch pflegten die Kontrahenten beider Seiten die Verhaltensregeln der akademischen Welt nicht in Frage zu stellen. Das Instrumentarium des Streites waren Begriffe und Methoden#2, die sie weiter zu präzisieren und in Bezug auf die Strenge des jeweiligen Argumentes zu überprüfen vorgaben. Allen gemeinsam war das nach Aussen hin erklärte Ziel, den Erkenntnisfortschritt in den Wissenschaften, hauptsächlich den Naturwissenschaften, zu erklären. Damit konnte man sich und andere über den eigenen fehlenden Fortschritt#2, der dann immer mehr in die Krise der Geisteswissen-schaften ausartete, hinwegtäuschen! Somit verliefen die Auseinandersetzungen weiterhin in eingeschliffenen Bahnen und die formale Struktur eines disziplinär organisierten#2 kognitiven Wissens blieb unangetastet. Am Beginn des 21. Jahrhunderts diskutiere man in der Alma Mater jedoch nicht mehr den Methodenpluralismus, man "lebe" das „Anything goes“. Damit seien die institutionellen Strukturen#2 und Arbeitsmittel#1 wissenschaftlicher Arbeit in den Vordergrund der ( zersetzenden postnormalen) Diskussion gerückt. Wenn heute vom Wissenschaftswandel die Rede ist, dann geht es immer häufiger nur noch um die Formen der Wissensproduktion und nicht mehr nur um neue Erkenntnisse. Die Erfahrung lehre, dass diese der Wissenschaft so lange nicht ausgehen werden, wie mit jeder beantworteten Frage neue entstehen und jede gewonnene Einsicht wieder Unwissenheit erzeugt. Dass damit an sich verschlossene, sich selbst zerstörende Systeme à la Fritz Zorn Mars entstehen, wird verantwort-ungslos verschwiegen! Noch immer scheint die technische Revolutionierung der Arbeitsmittel vorbildlos zu sein, die in den letzten Jahrzehnten die Rahmenbedingungen wissenschaftlicher Arbeit massiv verändert hat und erhebliche Auswirkungen auf die Umgangsformen zeitigte und immer mehr deren Virtualisierung möglich macht. Die Multiplikation der Publikationsmöglichkeiten verdrängt die Frage nach der Qualität des Mitgeteilten. Qualitätskriterien sind "frei nach dem Mentaldarwinismus " eine Angelegenheit der Interpretation geworden. Mit der Anzahl der Publikationen sinkt die Notwendigkeit, die für publikationswürdig gehaltenen Forschungsergebnisse durch einen breiten, disziplinären „peer review“ - Prozess abzustützen - der sich ja inzwischen selbst entwertet hat... Die zunehmende Medialisierung der Wissenschaft hat unter Wissenschaftssoziologen das Schlagwort der „Post-Akademischen Wissenschaft“ aufkommen lassen. Viele, oft uneinheitliche Beobachtungen werden darunter gefasst. Einigkeit besteht darüber, dass die Vernetzung zahllose neue, an die Stelle der althergebrachten Disziplinen tretende Kontexte schafft, mit der Folge, dass die Disziplinen ihre Orientierungsfunktion für die Forschung verlieren. Vor allem dort, wo in Anwendungskontexten, d.h. im Hinblick auf einen vorgestellten Nutzen und (imaginierte) Klienten gearbeitet wird, werden eigene methodische Vorgehensweisen und neue institutionelle Strukturen geschaffen. Diejenigen, die unmittelbar an der Problemlösung beteiligt sind, bestimmen hier zumeist darüber, was als Erkenntnisfortschritt gelten soll. Da es sich hierbei jedoch oft primär um politische und ökonomische Akteure handelt, diese aber andere Kriterien als wissen-schaftliche Gemeinschaften haben, führt dies zu einer verstärkten Politisierung der Wissenschaften, wie der Soziologe Peter Weingart meint. Damit werden z.B. umstrittene Forschungsgebiete, die ethische Probleme aufwerfen, weit darüber hinausgehend in öffentlichen Foren der politischen Km-Meinungsbildung verhandelt. Hier gewonnene "Einsichten" wirken dann zurück an die Orte der genuinen Wissensproduktion, womit die Km-Matrix auch die Wissenschaft vereinnahmt und die ihr zu Grunde liegende Denk- durch das persönliche Gewissen und den Wirklichkeitsbezug, wie 1912 auf der Titanic ungehemmt zur Humankatastrophe werden lässt. Das zeigt sich nicht zuletzt am gesteigerten Medien-bewusstsein der Wissenschaften selbst. Jede wissenschaftliche Institution verfügt heute über Kommunikationsabteilungen, die nicht mehr nur der Presse Rede und Antwort stehen, sondern selber bewusstes Themenmanagement in den Medien zu betreiben versuchen. Aus historischer Perspektive fügt Barbara Orland an , dass industriell finanzierte Forschungslaboratorien oder die Vermarktung universitären Wissens zu den grundlegenden Merkmalen der modernen Wissenschaft gehören. Und auch die enorme Spezialisierung innerhalb gegebener Disziplinen ist ein Prozess, der schon zu früheren Zeiten problematisiert wurde und die Sehnsucht nach einer neuen Einheit der Wissenschaften hervorgerufen hat. Ausserdem seien die meisten Standards der akademischen Forschung noch keineswegs ausser Kraft gesetzt - was deren Auswirkung so paradox und für einen Durchbruch NOTWENDIG macht! Nach wie vor ist die akademische Welt ständisch organisiert, werden alte Besitzstände verteidigt und Nobelpreise für herausragende Leistungen verteilt. Viele Indizien sprechen dafür, dass mit den neuen Formen der Wissensproduktion eben doch nicht revolutionäre Veränderungen der traditionellen Wissenschaft einher gehen, sondern lediglich spezifische institutionelle Veränderungen, die historisch gewachsenen Strukturen, mehr noch die bisherigen mit den Neuen Eliten, im Zeitgeist, der Km-Matrix eben, verschmelzen lassen... Deren Ordnung#0 zeigt sich zwar schnell in ihrer Vorläufigkeit, befriedigt medial ist aber aus Prinzip, wie eben alle Kunstwerke, nicht nachhaltig. Deshalb ist die Erzählung darüber eine Peinlichkeit, obwohl ihre Kernkompetenz das Erzählen ist, aber eben, über die erfolgreiche Naturwissenschaft#1. Diese macht sich ein Problem mit dem Anfang, der Schöpfungsordnung in Form der Naturgesetze, jene wird am Ende zum Problem mit ihrem produktiv motivierten Scheitern. |