bullet1 3) Leben und Glauben

Beria ging es um die vollständige Ersetzung reeller durch konditionierter Menschen! In der Postmoderne geht es um die Frage der Portierung von Menschen aus der Biologie in Chips,  bzw. deren Ersatz durch Maschinen: Im Zuge der Evolution, und insbesondere durch die Schrift, unterlagen die kulturellen Praktiken des symbolischen Ausdrucks einem signifikanten Wandel. Sie nahmen eine spezifische Form der Objektivität an, sobald sie, durch die Verwendung von Medien wie Stein und Pergament, "exteriorisiert", das heisst, vom ihrem leiblich-gestischen Ausdruck  getrennt wurden.

In gewisser Hinsicht scheint es, dass die kulturelle Evolution mit der fortschreitenden Exteriorisierung und Objektivierung symbolischer Fähigkeit unweigerlich die "Befreiung" des menschlichen Wissens und Bewusstseins von seiner Leibgebundenheit vorantrieb. Techniken der elektronischen Speicherung, Vermittlung und multimediale Verarbeitung von Information auf der einen, und die Entschlüsselung des Genoms stellen auf der anderen, unsere inneren Seite den bislang letzten, und vermutlich auch radikalsten Schritt der Entkörperlichung des Wissens dar - dabei haben Sie zu etwa 50% die gleichen Gene wie eine Banane und vom Affen unterscheidet uns weniger als 2% - vom Mitmenschen gerade genug für eine DNA-Analyse...

Angesichts dieser Entwicklung stellt sich die entscheidende Frage, wie weit der Prozess der Entmaterialisierung und Entkörperlichung menschlichen Wissens gehen kann. Das könne bis zum vollständigen "downloading" allen Wissens und aller Information auf eine hochkomplexe, noch nicht verfügbare, aber doch technisch denkbare Hardwarekonstellation hinauslaufen – also auf die vollständige Substitution des menschlichen Organismus durch eine Maschine - in Bezug auf Information wenigsten.

Dann allerdings würde es nicht mehr für jeden Menschen eine Maschine brauchen. Das Spiel in dieser Welt der 33% Herren, die 55% der Knechte beliebig teilen, um über sie zu herrschen und der 11% Leidenschaftlichen, die ihnen das streitig zu machen versuchen, lässt sich schon heute auf einem PC durchspielen - dafür war die Expo.02 der Schweiz von 2002 ein gute Vorübung:

  • Zum "Glück" für die Psychopolitiker gibt es frei nach Martin Hellers Reminiszenzen über seine Expo.02 Fragen, die sich  erst im Nachhinein stellen weil erst aus einer gewissen Distanz das Fragwürdige ihres Tun und Lassens, wenn überhaupt erkennbar wird. Und selbst wenn man hinterher, wie der Volksmund sagt, ohnehin immer gescheiter ist, sorgt die bisherige psychopolitische Indoktrination doch dafür, dass damit nur die Psychopolitiker etwas anfangen - ja wer den sonst, wenn nicht Sie und ich...

  • In der Schweiz streben seit 1968 die Intellektuellen lediglich ein freundeidgenössischer Krimi als Schwarzkunstmixtur von föderalistischen Grabenkämpfen, Eitelkeiten, sozialen und sonstigen Sprachproblemen, bundesbernischem Unverstand, Minderheitentrötzelei, Mehrheitenarroganz, Wehleidigkeiten sowie einer Kaskade von Projektionen für Vorhaben an, die sich zur Kannibalisierung dieses Landes und zum Absahnen lohnen. Eine Landesausstellung ist offenbar das, was alle immer schon gewusst, gewollt und gebastelt haben heisst es dann nachher, nachdem die Abzocker in der Wirtschaft, die ja dafür zahlten, gerne diesen Faden auch selbst aufgenommen hatte, sich und seinen Filz dafür pseudolegitimierend.

  • Kulturelle Ereignisse, die ein ganzes Land interessieren, seien ein kostbares Gut - egal wie dumm die Interessklüngel sich dafür äussern, denn Pragmatik und wirkliche Kunst brauchen sich nicht ausschliessen. Und dann heisst es die wirkliche
    Kunst sei Schwerstarbeit, alles andere, die Arbeit des dummen Volks eben zu ihren Events, ein Spaziergang und im Rückblick zähle nicht die Kritik selbst, sondern ihre Fundierung - und auf diesen Etikettenschwindel der Geisterwissenschaft fällt das dafür arbeitende Volk gerade nochmals hinein und bezahlt die Defizite ihres fehlenden Besuches!

  • Immerhin ist spätestens seit Beginn der Moderne die jeweils aktuelle Kunst ein weit gehend geschlossenes System. Selten nur weist das, was an künstlerischen Innovationen hervorgebracht wurde, über dieses System, d.h. über seine sich selbst zerstörerende Eigendynamik hinaus. Offenbar erlauben es ihre Nebelschwaden, dass man immer wieder  gnädig über solche im Ende, wenn das dumme Volk bezahlt und die Abzocker ihr Schärflein im Trockenen haben, ungekünstelten Peinlichkeiten von Humankatastrophen hinweg sieht!

  • Schliesslich verrauscht nach dem Fest alles in der Fülle von Geschmacksurteilen, die im Einzelnen kaum widerlegbar sind - und die Kunstsoziologie dann die Kunst und das Leben wieder zu versöhnen hat.

  • Der alten Traum ist das Ideal des Gesamtkunstwerks, in dem der künstlerische Wille bis zur Unsterblichkeit und zur Globalisierung expandiert. ER macht seinen Anspruch auf ein durch und durch ästethisches und damit scheinbar besseres Leben nach jeder Humankatastrophe mit neunen Dankkatastrophen gleich dem Phönix aus der Asche, die Swiss aus der Swissair, geltenden. Und das bis hin zu  jener Vorstellung der Gesellschaft als einer «sozialen Plastik», in der jeder einzelne einen irgendwie künstlerischen Beitrag zu leisten vermag, zur
    eigenen Entwicklung und damit zum Wohle auch des Ganzen beitrage.

  • So ist die Demokratisierung mittlerweile ganz und gar von der Kunst erfasst. Und dabei ist es den Schwarzkünstlern à la Muschg, Mathaler, Heller & Co. egal, wie sehr ihre Vorstellungen am Schluss mit dem übereinstimmen, was daraus in der Masse destilliert wird. Hauptsache ihre Kasse und ihr Ruf stimmen.

  • Aus den entsprechenden Missverständnissen und Enttäuschungen entsteht dann  Kunstgeschichte, die ihrerseits Pfründen für nicht originelle Schwarz- und Schwatzkünstler psychosozial entstehen lässt. Dafür wird es die Kunstwissenschaft tunlichst vermeiden, sich die Wirklichkeit eines tatsächlich so erweiterten
    Kunstbegriffs von den gesellschaftlichen Konsequenzen her auszumalen; ein solche Erfüllung einer theoretischen Aufgabe würde ja nur die die Banalität der als Leben vorgespielte Bildlichkeit, als Pseudoherzblut zu entlarven drohen.

  • Gewünscht sind jedoch Mitmachkampagnen bis hin zum erwartbaren, weil unvermeidlichen Kollaps - nach der schönen Parade in der Schlacht etwa als Ende der vermeintlich guten Tat.

  • Der Wunsch, vordringlich die eigene Bedeutung im gesellschaftlichen Gelingen nachzuweisen, genügen heute solche Verführungskünste vollauf, Land und Leute zu überrumpeln und zugleich alle brach-liegenden Talente dafür zu missbrauchen.

  • Damit aber scheitern Kunst und dann die davon verführte Wirtschaft (New Economy) und damit das Leben entweder heroisch aneinander oder bescheiden sich dann unspektakulär - bis es am Schluss doch immer wieder zum Scheitern kommt, nachdem man sich Schritt um Schritt, aufeinander einlassend selbst zerstörerisch verfilzt hat. Das haben uns 2001-2003 die Zürcher FDPler als nützlicher Idioten im Dienst der Kunst à la Katastrophenfranz vorgemacht!

  • Anders ist der postnormal erweiterte Kunstbegriff gar nicht zu füllen. Diese Art wechselseitiger Partizipation prägte dabei eine Vielzahl von Vorstellungen und steuert gewissenlos immer mehr  Prozessen und animiert mehr und mehr Menschen nur noch dazu ihre eigene versteckte Agenda zu verfolgen; der Rentenklau mit der damit verbundenen Entsoldarisierung lässt grüssen. Je nach Situation, stellt man dann einfach psychopolitisch kunstvoll sicher, dass für die anderen möglichst die für einem vorteilhaften Spielregeln zur Anwendung kommen - bekanntlich bekommt man mit keinem anderen Recht mehr Recht in diesem unserem damit verkommenen Lande.

  • Dafür sind starke AutorInnen mit sozialdarwinistisch effektiven Leistungen gefragt, um die die Qualität künstlerischer Prozesse am eingespielten Gewinn zu entscheiden. Damit das niemand merkt, spricht man von vielfaltig multipler, und multikultureller Autorschaft, in welcher der Weg einzelner Ideen, geschweige den die Wahrheit und das damit sinnentleerte Leben der Betroffenen oft kaum mehr schlüssig rekonstruierbar ist.

  • Das Resultat dieser Ideologie, hybride Konstellation von Autoren, Zuträgern, Werken, Architekturen und Szenografien, in denen prominente KünstlerInnen ebenso ihren Platz haben wie eine Vielzahl kultureller Ersttäter, ist der Neue Filz, in dem man versucht wie z.B. via Muschg am Collegium Helveticum der Bildungsmafia, und wie Marthaler der Kulturpolitik zu bemächtigen.

  • Dabei geht es immer mehr um Marketing mit sämtlichen psychopolitischen Strategien nur noch um die blosse Vermittlung von beliebigen Inhalten mittels Bildern und virtuellen Räumen, solange man damit mit einem als wach und intelligent apostrophieren, d.h. dafür zu zahlen bereiten Publikum rechnen kann:

  • Dieses Publikum war für den psychopolitischen Erfolg der Expo.02 entscheidend und dafür hat man  bei ihm einiges in Bewegung gebracht das über populäre Ambitioniertheit oder im herkömmlichen, hochkulturell elitären oder auch nur musealen Kunstverständnis hinaus aus psychopolitisch relevant ist.

  • Darum war nach Martin Heller die Expo.02 wirklich keine Kunst mehr und doch irgendwie Kunst - als postmoderne Propagandashow, Aushöhlung der nach der Landi 1939 noch verbliebenen geistigen Landesverteidigung und jeden andern Glauben an den Sinn des Lebens - Kostenpunkt: 2 Milliarden Schweizer Franken über das hinaus, was das Volk freiwillig für diese Mentalkonditionierung bezahlte!

Das individuell menschliche Denken und unserer Erfahrung, sind in ihrer Besonderheiten des Bewusstseins  jedoch von der Weise, wie wir verkörpert sind, grundsätzlich nicht zu trennen. Selbst wenn wir nur als Software in einem Datennetz existieren würden, würden wir noch glauben, dass wir einen Körper haben - oder an den Phantomschmerzen der ungenügenden Modellierung zu Grunde gehen...

Kurz: Die Idee der vollständigen Entkörperlichung ist, aus der H4-Sicht der Lebenswirklichkeit, irrig,  wenn auch weniger ein echter Mythos, so doch bereits eine handfeste Ideologie.  Aus diesen Gründen muss man sich fragen, wem daran liegt, die neue Generation der PC-Benutzer davon zu überzeugen, dass die Technologien der Datennetzwerke und der virtuellen Realität die überlegenste Weise ist, menschliche Kreativität zu steigern.

  Kontext    Jeder hat nur ein Leben...